Stand der internationalen Qualitätsdiskussion in den Pflegeberufen ist seit langem, dass neben betriebsintern entwickelten Pflegestandards und Arbeitsablaufbeschreibungen auch von Pflegeexperten erarbeitete evidenzbasierte und von der Berufsgruppe konsentierte Qualitätsinstrumente in die Pflegepraxis zu implementieren sind, um das Qualitätsniveau in Gesundheits- und Altenhilfeeinrichtungen für PatientInnen und Betroffene spürbar zu verbessern.
In Deutschland arbeitet das DNQP in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat (DPR) und mit finanzieller Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) seit 1999 an der aufwändigen Entwicklung evidenzbasierter Expertenstandards in der Pflege, die für die professionelle Pflege insgesamt als richtungsweisend anzusehen sind. Bis Mitte 2006 wird eine erste Serie von fünf Expertenstandards zu den Themen Dekubitusprophylaxe, Entlassungsmanagement, Schmerzmanagement bei akuten und tumorbedingten chronischen Schmerzen, Sturzprophylaxe und Förderung der Harnkontinenz entwickelt, konsentiert und modellhaft implementiert sein. Aufgrund des bisherigen Projekterfolgs ist das BMG bereit, die Arbeit des DNQP zunächst für weitere drei Jahre zu fördern. Die Themenschwerpunkte der nächsten drei Expertenstandards sind Pflege von Menschen mit chronischen Wunden, Bedarfsgerechte Ernährung und Flüssigkeitszufuhr von pflegebedürftigen Menschen und Schmerzmanagement bei chronischen nicht-malignen Schmerzen.
Expertenstandards sind als ein Instrument zu verstehen, mit deren Hilfe die Qualität von Leistungen definiert, eingeführt und bewertet werden kann und das Auskunft darüber gibt, welche Verantwortung die Berufsgruppe gegenüber der Gesellschaft, den Pflegebedürftigen, dem Gesetzgeber, wie auch gegenüber ihren einzelnen Mitgliedern übernimmt. Die zentralen Funktionen von Expertenstandards in der Pflege sind daher:
Berufliche Aufgaben und Verantwortungen zu definieren,
Innovationen in Gang zu setzen,
eine evidenzbasierte Berufspraxis, berufliche Identität und Beweglichkeit zu fördern und
Grundlage für einen konstruktiven Dialog über Qualitätsfragen mit anderen Gesundheitsberufen zu sein.
Pflegestandards sind also – zusammenfassend gesagt – ein professionell abgestimmtes Leistungsniveau, das den Bedürfnissen der damit angesprochenen Bevölkerung angepasst ist und Kriterien zur Erfolgskontrolle der Pflege einschließt. Standards geben die Zielsetzung komplexer pflegerischer Aufgaben, sowie Handlungsspielräume und Handlungsalternativen vor und eignen sich für Pflegeprobleme mit erheblichem Einschätzungsbedarf und Pflegehandlungen mit hohem Interaktionsanteil.
Qualitätsmethodisches Vorgehen des DNQP
Nachfolgend finden Sie eine kurze Zusammenfassung des methodischen
Vorgehens zur Entwicklung und
Einführung von Expertenstandards. Das vollständige Papier zum methodischen
Vorgehen finden Sie hier.
Das DNQP konnte sich bei der Entwicklung von Konzepten für die Entwicklung und Konsentierung von Expertenstandards auf Vorbilder aus dem Europäischen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (EuroQUAN) stützen. Für die Implementierung der Standards mussten eigene neue Wege beschritten werden. Hierzu lagen auch auf internationaler Ebene – weder aus der Pflege noch aus anderen Gesundheitsberufen – überzeugende Ansätze vor.
Die Auswahl der Themen der Expertenstandards erfolgt durch den Lenkungsausschuss des DNQP und ist primär pflegeepidemiologisch begründet. Dekubitalgeschwüre und andere chronische Wunden, Inkontinenz, Stürze, Schmerzzustände und Mangelernährung gehören zu den großen Pflegeproblemen unserer Gesellschaft. Zudem sind in diesen Bereichen wirksame Qualitätsverbesserungen in der Pflegepraxis zu erwarten. Daher haben diese Themen auch aus Wirtschaftlichkeitserwägungen eine hohe Relevanz für das Gesundheitswesen. Ähnliches gilt für das Thema Entlassungsmanagement aus dem Krankenhaus. Die bisher bearbeiteten Themen sind auf große Zustimmung der Fachöffentlichkeit gestoßen. Ihre Relevanz wird von den jeweiligen Praxisfeldern bestätigt.
Ausdrückliche Unterstützung seiner Arbeit erhielt das DNQP 2005 vom Sachverständigenrat für die Entwicklung des deutschen Gesundheitswesens. In mehrseitigen Ausführungen wird die Bedeutung der Expertenstandards für die Weiterentwicklung der Pflegequalität in der stationären und ambulanten Pflege hervorgehoben und die Entwicklung weiterer Expertenstandards gefordert.
Bildung unabhängiger Expertenarbeitsgruppen
Zu jedem Thema arbeitet eine 8 bis 12-köpfige Expertenarbeitsgruppe, die etwa zu gleichen Teilen aus Mitgliedern der Pflegepraxis und -wissenschaft mit ausgewiesener Fachexpertise zusammengesetzt ist. Hinzu kommt eine Vertretung aus einem Patienten- und/oder Verbraucherschutzverband, auf deren Mitwirkung großer Wert gelegt wird.
Für die Akzeptanz der Expertenstandards in der Fachöffentlichkeit ist der Nachweis des unabhängigen Sachverstands der beteiligten Experten sowie die Transparenz über das Zustandekommen der Standards von herausragender Bedeutung. Das Vorgehen zur Bildung von Expertenarbeitsgruppen ist vom DNQP-Lenkungsausschuss in einem Leitfaden festgelegt.
Vorgehen bei der Entwicklung von Expertenstandards
Die Entwicklung der Expertenstandards basiert auf einer umfassenden Auswertung der nationalen und internationalen Fachliteratur, um weitestgehend forschungsgestützte Standardaussagen treffen zu können. Grundsätzlich werden die Prinzipien der Evidenzbasierung berücksichtigt. Die wissenschaftliche Evidenz der Expertenstandards setzt sich aus der Gewichtung und Bewertung der vorhandenen Forschungsergebnisse sowie der Experteneinschätzung zusammen, wenn nicht auf eindeutige Literaturergebnisse zurückgegriffen werden kann.
Konsensfindung mit einer breiten Fachöffentlichkeit
Der von der jeweiligen Expertenarbeitsgruppe erarbeitete Expertenstandard-Entwurf wird der Fachöffentlichkeit im Rahmen einer Konsensus-Konferenz vorgestellt und mit dem Fachpublikum erörtert. Dies erfolgt in Form eines strukturierten Fachdiskurses. Das Teilnahme-Interesse an den Konferenzen ist kontinuierlich gestiegen. Von anfänglich 440 nachgefragten Plätzen 2000 bis zu 654 im Jahr 2005. Die Ergebnisse der Konferenz fließen in die abschließende Version des Expertenstandards ein. Etwa drei Monate nach der Konferenz steht der Expertenstandard den Praxiseinrichtungen mit Kommentierungen und umfassender Literaturstudie zur Verfügung. Die breite Berichterstattung in den Fachmedien über die Konsensus-Konferenzen trägt erheblich zur Verbreitung der Information über den neuen Expertenstandard in der Berufsgruppe bei.
Modellhafte Implementierung der Expertenstandards mit wissenschaftlicher Begleitung durch das wiss. Team des DNQP
Nach der Konsensus-Konferenz werden die Expertenstandards mit wissenschaftlicher Begleitung über einen Zeitraum von sechs Monaten modellhaft in ca. 25 stationären und ambulanten Einrichtungen des Gesundheitswesens und der Altenhilfe bundesweit eingeführt, um Aufschluss über ihre Akzeptanz und Praxistauglichkeit zu gewinnen. Im Rahmen der abschließenden Messung der Ergebnisqualität (Audit) konnten in der Vergangenheit pro Expertenstandard zwischen 1.361 und 3.063 Patienten/Bewohner bundesweit einbezogen werden. Die Ergebnisse der Qualitätsmessungen aus den beteiligten Einrichtungen werden vom DNQP ausgewertet und veröffentlicht. Rückmeldungen aus der Praxis zeigen, dass die Expertenstandards in der Pflegepraxis weitgehend große Akzeptanz finden und von Pflegekräften häufig als Aufwertung der eigenen Arbeit erlebt werden.
Verbreitungsgrad der Expertenstandards
Die Expertenstandards des DNQP erfreuen sich einer hohen Nachfrage aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Von den ersten sechs veröffentlichten Expertenstandards zu den Themen Dekubitusprophylaxe, Entlassungsmanagement, Schmerzmanagement, Sturzprophylaxe, Förderung der Harnkontinenz und Pflege von Menschen mit chronischen Wunden wurden bis Ende 2008 über 125.000 Exemplare bei der Geschäftsstelle des DNQP angefordert. Einen großen Teil der Entwicklungskosten der Expertenstandards kann das DNQP inzwischen selbst bestreiten.
Das Interesse an den Expertenstandards dürfte noch steigen, wenn neben der Expertenversion zukünftig auch eine allgemein verständliche Verbraucherversion zur Verfügung steht. Die Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) hat für die ersten fünf Expertenstandards Verbraucherversionen erarbeitet und in einem Ratgeber "Gute Pflege im Heim und zu Hause" veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier.
Kooperationspartner bei der Entwicklung von Expertenstandards:
Charité Universitätsmedizin Berlin;
Ev. Fachhochschule Darmstadt, Fachbereich Pflege- und Gesundheitswissenschaft;
Fachhochschule Esslingen, Hochschule für Sozialwesen;
Kuratorium Deutsche Altershilfe;
Universität Witten/Herdecke, Institut für Pflegewissenschaft;
Fachhochschule Frankfurt am Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit.
Kooperationspartner bei der modellhaften Implementierung von Expertenstandards:
Bisher haben sich
ca. 85
Gesundheitseinrichtungen in Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland
(Krankenhäuser, Einrichtungen der Altenhilfe und ambulante Pflegedienste) an den
Modellprojekten zur Implementierung von Expertenstandards beteiligt.
1. Expertenstandard: Dekubitusprophylaxe in der Pflege (Pilotprojekt) 1998 - 2001
| Entwicklung: | 1998 – 2000 von einer 12-köpfigen Experten-Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. C. Bienstein / Prof. Dr. E. - M. Panfil (Universität Witten/Herdecke). Der Expertenstandard basiert auf 161 wissenschaftlichen Quellen. |
| Konsentierung: | 24. Februar 2000 / 405 Teilnehmer/innen. |
| Implementierung: | Mai bis Oktober 2000 in 16 Praxiseinrichtungen: 12 Krankenhäuser, 2 ambulante Pflegedienste, 2 Einrichtungen der stationären Altenhilfe. Im Rahmen des Audits konnten insgesamt 1.361 Patienten/Bewohner einbezogen werden. Ergebnisvorstellung und -diskussion: 6. DNQP-Workshop 2001. |
| Veröffentlichung: | Sonderdruck 2000 / 1. Auflage der abschließenden Veröffentlichung 2002, 2. Auflage mit aktualisierter Literaturstudie 2004 |
2. Expertenstandard: Entlassungsmanagement in der Pflege (2001 – 2003)
| Entwicklung: | 2001/2002 von einer 13-köpfigen Experten-Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. U. Höhmann (Ev. Fachhochschule Darmstadt) / H. François-Kettner (Charité / Campus Benjamin Franklin). Der Expertenstandard basiert auf 264 wissenschaftlichen Quellen. |
| Konsentierung: | 6. September 2002 / 425 Teilnehmer/innen. |
| Implementierung: | Januar bis Juni 2003 in 19 Krankenhäusern: Im Rahmen des Audits konnten insgesamt 3.063 Patienten/Bewohner einbezogen werden. Ergebnisvorstellung und -diskussion: 7. DNQP-Workshop 2004. |
| Aktualisierung: | 2007/2008 von einer 13-köpfigen Expertenarbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Ulrike Höhmann (Ev. Fachhochschule Darmstadt)/H. François-Kettner (Charité / Campus Benjamin Franklin). Der aktualisierte Expertenstandard basiert auf 429 wissenschaftlichen Quellen. |
| Veröffentlichung: | Sonderdruck 2002 / abschließende Veröffentlichung 2004 / 1. Aktualisierung 2009 |
3. Expertenstandard: Schmerzmanagement in der Pflege (2002 – 2004)
| Entwicklung: | 2002/2003 von einer 13-köpfigen Experten-Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. J. Osterbrink (Klinikum Nürnberg) / H. François-Kettner (Charité / Campus Benjamin Franklin). Der Expertenstandard basiert auf 301 wissenschaftlichen Quellen. |
| Konsentierung: | 15. Oktober 2003 / 430 Teilnehmer/innen. |
| Implementierung: | Januar bis Juni 2004 in 20 Praxiseinrichtungen: 17 Krankenhäuser, 2 Einrichtungen der stationären Altenhilfe, 1 ambulanter Pflegedienst. Im Rahmen des Audits konnten insgesamt 1.778 Patienten/Bewohner einbezogen werden. Ergebnisvorstellung und -diskussion: 8. DNQP-Workshop 2005. |
| Veröffentlichung: | Sonderdruck 2004 / abschließende Veröffentlichung 2005 |
4. Expertenstandard: Sturzprophylaxe in der Pflege (2003 – 2005)
| Entwicklung: | 2003/2004 von einer 12-köpfigen Experten-Arbeitsgruppe unter Leitung von Chr. Sowinski (Kuratorium Deutsche Altershilfe) / Prof. Dr. A. Elsbernd (Hochschule Esslingen). Der Expertenstandard basiert auf 250 wissenschaftlichen Quellen. |
| Konsentierung: | 13. Oktober 2004 /650 Teilnehmer/innen. |
| Implementierung: | Januar bis Juni 2005 in 24 Praxiseinrichtungen: 10 Krankenhäuser, 10 Einrichtungen der stationären Altenhilfe, 4 ambulante Pflegedienste. Ergebnisvorstellung und -diskussion: 9. DNQP-Workshop am 24. Februar 2006 in der Charite Berlin. |
| Veröffentlichung: | Sonderdruck 2005 / abschließende Veröffentlichung 2006 |
5. Expertenstandard: Förderung der Harnkontinenz in der Pflege (2004 – 2006)
| Entwicklung: | 2004/2005 von einer 12-köpfigen Experten-Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. W. Schnepp (Universität Witten/Herdecke. Der Expertenstandard basiert auf 241 wissenschaftlichen Quellen. |
| Konsentierung: | 12. Oktober 2005, 650 Teilnehmer/innen. |
| Implementierung: | Januar bis Juni 2006 in 25 Praxiseinrichtungen: 11 Krankenhäuser, 10 Einrichtungen der stationären Altenhilfe, 4 ambulante Pflegedienste. Ergebnisvorstellung und -diskussion: 10. DNQP-Workshop am 23. Februar 2007 in der Charite Berlin. |
| Veröffentlichung: | Sonderdruck 2006 / abschließende Veröffentlichung 2007 |
6. Expertenstandard: Pflege von Menschen mit chronischen Wunden (2006 – 2008)
| Entwicklung: | 2006/2007 von einer 14-köpfigen Experten-Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. E.-M. Panfil (Fachhochschule Frankfurt am Main. Der Expertenstandard basiert auf 271 wissenschaftlichen Quellen. |
| Konsentierung: | 10. Oktober 2007, 655 Teilnehmer/innen. |
| Implementierung: | Januar bis Juni 2008 in 26 Praxiseinrichtungen: 13 Krankenhäuser, 6 Einrichtungen der stationären Altenhilfe, 7 ambulante Pflegedienste. Ergebnisvorstellung und -diskussion: 11. DNQP-Workshop am 27. Februar 2009 in der Charite Berlin. |
| Veröffentlichung: | Sonderdruck 2008 / abschließende Veröffentlichung 2009 |
7. Expertenstandard: Ernährungsmanagement zur Sicherstellung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege (2007 – 2009)
| Entwicklung: | 2007/2008 von einer 14-köpfigen Experten-Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik (Universität Witten/Herdecke). Der Expertenstandard basiert auf 214 wissenschaftlichen Quellen. |
| Konsentierung: | 08. Oktober 2008, 645 Teilnehmer/innen. |
| Implementierung: | Januar bis Juni 2009 in 27 Praxiseinrichtungen: 9 Krankenhäuser, 13 Einrichtungen der stationären Altenhilfe, 5 ambulante Pflegedienste. Ergebnisvorstellung und -diskussion: 12. DNQP-Workshop im Februar 2010 in der Charite Berlin. |
| Veröffentlichung: | Sonderdruck 2009 / abschließende Veröffentlichung 2010 |
Copyright: DNQP 21.06.2010